Fünf Jahre Radio LoRa (1988)
Am fünften Geburtstag hatte sich die angespannte finanzielle Situation entschärft. Zum einen wurde im Vorjahr wegen des reduzierten Betriebs als Folge des Brandanschlags weniger ausgegeben, zum anderen wuchs - gerade auch wegen des Versuchs, LoRa zum Schweigen zu bringen - die Unterstützung von Seiten der Hörerinnen und Hörer. Zusätzliche Einnahmen kamen von Soliveranstaltungen und Festen.
Ungelöst war die Raumfrage. Die Kündigung der Räume im Seefeld war bis Frühjahr 1989 erstreckt, doch neue Räume standen nicht zur Verfügung.
Das LoRa bereitete sich zudem auf eine Neukonzessionierung vor. Die RVO war um zwei Jahre bis 1990 verlängert worden, dann sollte entschieden werden, ob LoRa eine definitive Konzession erhielt.
Im Zentrum des fünfjährigen Jubiläums stand das Programm, das seit Beginn kontinuierlich ausgebaut worden war und nun eine Vielfalt erreicht hatte, die beispiellos war. Viele im LoRa dachten bereits an den Ausbau zu einem Vollprogramm.
Ein Programm zum Hinhören
LoRa bot wie eh und je ein Programm, das nicht Berieselung war, sondern zum aktiven Hinhören aufforderte.
Neben den täglichen Morgensendungen und dem Info am Abend strahlte das LoRa Kultursendungen wie Föhn-X, Ghettoblaster oder die Literatursendung aus. 30 Musiksendungen spielten fast ebensoviele Musikrichtungen wie Klassik, Folk, Schweizer Volksmusik, Flamenco, Jazz, Freie Improvisation, Rock, Reggae oder Punk.
Themesendungen wie Die Hälfte des Äthers, Gigawatt - Gegen die Spaltung im Kern, Robotage - Zur Rehabilitierung der Maschinenstürmerei, Gewerkschaftsjournal, Der Sonntagsgipfel oder Ökolaps - Das Umweltverträglichkeitsmagazin regten zum Mitdenken und zur Auseinandersetzung an.
Migrantinnen und Migranten, die nicht nur von der offiziellen Politik zum Schweigen gebracht wurden, sondern auch in den bürgerlichen Medien kaum zu Wort kamen, erhielten am LoRa direkten Zugang zum Mikrofon. Regelmässig gingen Sendungen in albanischer, iranischer (Farsi), italienischer, kurdischer, portugiesischer, spanischer, tamilischer und türkischer Sprache über den Äther.
Begonnen hatte das LoRa mit Nachtsendungen (ab 0 Uhr)
wie die Talk-Show, Trommeln in der Nacht, Frontline-Rock oder Mondvogel.
Radiokultur
Das Programm von LoRa bewies, dass Radio auch anders als sauglatt möglich war. Im Gegensatz zu den kommerziellen Lokalradios, die stets aufgestellte und muntere Stimmen ein berieselndes Musikprogramm ansagen liessen, waren bei Radio LoRa Menschen zu hören mit ihren Stimmungen und Emotionen - eine Qualität, die durch das Radio erst möglich wurde.
Das Programm bestand nicht einfach aus Berieselungsmusik, unterbrochen von kurzen Infoblöcken, sondern bot Themensendungen, Gespräche, Musik, Hörspiele, Satire, Experimente, schöpfte also die Palette der radiophonen Formen aus - auf engagierte, freche, experimentierfreudige Weise.
Der Radiokultur, die LoRa lebte,
kamen die lokalen Kommerzsender nicht annähernd nahe. Das öffentlich-rechtliche Radio DRS pflegte ebenfalls die radiophonen Formen, allerdings mit einem Millionenbudget und gut bezahlten Stellen. LoRa bot hier eine gültige Alternative von unten.
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